{"id":13,"date":"2020-05-18T14:17:29","date_gmt":"2020-05-18T12:17:29","guid":{"rendered":"https:\/\/stage.wikimedia.de\/2020\/?post_type=themen&#038;p=13"},"modified":"2021-06-18T16:32:16","modified_gmt":"2021-06-18T14:32:16","slug":"oeffentliches-geld-oeffentliches-gut","status":"publish","type":"themen","link":"https:\/\/www.wikimedia.de\/2020\/themen\/oeffentliches-geld-oeffentliches-gut\/","title":{"rendered":"\u00d6ffentliches Geld \u2013 \u00d6ffentliches Gut (\u00d6G\u00d6G)"},"content":{"rendered":"<div class=\"block-success-number\">\n    <div class=\"callout base-violet-bg\" style=\"transform: rotate(10deg);\">\n        <div class=\"content\">\n            <!-- wp:heading {\"level\":3} -->\n<h3><span class=\"has-inline-color has-light-violet-color\">Fast <\/span>7 Mio. mal wurden im Jahr 2020 die unter CC freigegebenen Terra-X-Videos auf Wikipedia und Wikimedia Commons abgerufen<span class=\"has-inline-color has-light-violet-color\">.<\/span><\/h3>\n<!-- \/wp:heading -->\n\n<!-- wp:paragraph -->\n<p><\/p>\n<!-- \/wp:paragraph -->        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Die Filmemacherin Sandra Trostel hat anl\u00e4sslich des 20. Geburtstags der deutschen Wikipedia ihre Dokumentation \u201eAll Creatures Welcome\u201c (www.allcreatureswelcome.net) der Wikipedia und dem Freien Wissen zur Verf\u00fcgung gestellt. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Prinzip \u201e\u00d6ffentliches Geld \u2013 \u00d6ffentliches Gut\u201c.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Frau Trostel, Sie setzen sich daf\u00fcr ein, dass \u00f6ffentlich finanzierte Dokumentarfilme unter freier Lizenz langfristig verf\u00fcgbar gemacht werden sollen \u2013 wieso bef\u00fcrworten Sie das als Kreative?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Freie Lizenzen bedeuten f\u00fcr mich nachhaltige Sichtbarkeit sowie nachhaltige Nutzung und Nachnutzung. Dazu geh\u00f6rt, dass die Arbeiten dauerhaft auffindbar bleiben, denn Dokumentarfilme sind immer auch Zeitdokumente. Sie sind Teil unserer Geschichte und d\u00fcrfen nicht, z. B. aus finanziellen Gr\u00fcnden, in den Untiefen der Archive verschwinden. Digitale Technologien erm\u00f6glichen eine Vervielf\u00e4ltigung fast ohne Kosten, dagegen stehen die Auswertungsmechanismen und Finanzierungsmodelle der Medienindustrie, die auf k\u00fcnstliche Verknappung und Limitierung setzen. Vor allem beim \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk (\u00d6RR) ist das unverst\u00e4ndlich. Ein weiterer Punkt ist, dass wir mit frei lizenzierten Dokumentarfilmen im Netz tats\u00e4chlich auch den Blick auf die Gesellschaft mitgestalten k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Inwiefern?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frei verf\u00fcgbar gibt es im Netz gegenw\u00e4rtig recht viel demokratiefeindliche Propaganda und Fake News, die sich als Dokumentarfilme bezeichnen \u2013 ob Klimawandel-Leugner-Doku oder QAnon-Rechtfertigungen. Es geht darum, einen entscheidenden Beitrag zur Definition von Bewegtbild-Inhalten im Netz zu leisten \u2013 indem wir mit der Forderung nach freien Lizenzen f\u00fcr die Abbildung von Diversit\u00e4t und Vielfalt eintreten. Zudem h\u00e4tten wir so den marktkonform hergestellten Dokumentationen, die meist nur \u00fcber die Plattformen der gro\u00dfen Monopole hinter Bezahlschranken zug\u00e4nglich sind, etwas entgegenzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wie sollte ein Modell freier Lizenzen bei den \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern konkret ausgestaltet werden?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Gesellschaft ist der Irrglaube verbreitet, der \u00d6RR decke mit der Haushaltsabgabe intern alle Kosten f\u00fcr das Programm. Dem ist leider \u00fcberhaupt nicht so. Gro\u00dfe Teile der Produktionskosten werden an die freien Kreativen, die Herstellenden und Produzierenden mit dem Hinweis durchgereicht, dass sie ihre Arbeiten ja weitergehend verkaufen k\u00f6nnten. Zudem ist das Dr\u00fccken von L\u00f6hnen seit Jahren g\u00e4ngige Praxis in diesem Bereich, die \u00d6ffentlich-Rechtlichen nutzen also ihre Oligopolstellung aus, wo es nur geht. Filmhersteller*innen sollten also erst mal in die Lage gebracht werden, sich die Ver\u00f6ffentlichung unter freien Lizenzen leisten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Was ist daf\u00fcr n\u00f6tig?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Kern geht es um die angemessene und vollst\u00e4ndige Finanzierung s\u00e4mtlicher Herstellungskosten und dar\u00fcber hinaus die Bildung von R\u00fccklagen, Sozialversicherung, Altersvorsorge und Krankenversicherung aller an der Produktion beteiligten Gewerke und Mitarbeitenden und nat\u00fcrlich die M\u00f6glichkeit zur Neuentwicklung von Stoffen. Wir reden also von einem Total Buy Out, wie er in anderen Branchen, zum Beispiel in der grafischen Gestaltung, durchaus \u00fcblich ist. Nur so k\u00f6nnen aus \u00f6ffentlichem Geld auch \u00f6ffentliche dokumentarische Arbeiten werden: von der Gesellschaft bezahlt, gemeinwohlorientiert an die Gesellschaft zur\u00fcckgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wo sehen Sie Schieflagen im System der \u00d6ffentlich-Rechtlichen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe strukturelle Schieflagen auf vielen Ebenen. Zum einen bei der Abbildung der Diversit\u00e4t unserer Gesellschaft. Daf\u00fcr braucht es nicht nur eine Variationsbreite der Inhalte oder der dargestellten Personen, ihrer Hintergr\u00fcnde, Milieus und Themen, sondern auch eine Diversit\u00e4t bei den Macher*innen und den dokumentarischen Formen. Zum anderen steckt der \u00d6RR zu viel Geld in Fu\u00dfball und disproportional teure Talkshows, Intendantengeh\u00e4lter und Renten, die weit \u00fcber den Eink\u00fcnften der heutigen Programmmacher*innen liegen. Au\u00dferdem ist das Redaktionssystem schwerf\u00e4llig und die entstehenden Filme sind formal stark durchreglementiert. Freie, nicht fest formatierte Sendepl\u00e4tze gibt es fast nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wie lautet Ihre Forderung?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00d6RR br\u00e4uchte dringend eine Reform. Ich bezweifle aber, dass dieser schwerf\u00e4llige Apparat so umgekrempelt werden kann, dass er den neuen Technologien und den dadurch entstehenden kulturellen und gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht werden kann. Deswegen habe ich die konkrete Forderung nach einem Alternativmodell: Mindestens zwei Prozent der Haushaltsabgabe sollten pro Jahr f\u00fcr dokumentarische Produktionen aufgewandt werden \u2013 \u00fcber eine Direktbeauftragung der Filmemacher*innen sowie der Produzierenden, gekoppelt an ein teil-randomisiertes Vergabemodell, wie es etwa in der Wissenschaft praktiziert wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Was k\u00f6nnte sich dadurch gerade auch f\u00fcr die Kreativschaffenden verbessern?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine schlanke Verwaltung w\u00fcrde Mittel f\u00fcr kreative Vielfalt freisetzen. Und es w\u00e4re gew\u00e4hrleistet, dass das Geld unb\u00fcrokratisch dorthin flie\u00dft, wo es gebraucht wird, sodass ein gesellschaftlicher Mehrwert \u00fcberhaupt entstehen kann. Das System des Produzierens unter freier Lizenz w\u00e4re au\u00dferdem ressourcenschonender, weil man \u2013 sofern es mit Pers\u00f6nlichkeitsrechten vereinbar ist \u2013 auf bereits produzierte Bilder zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnte. Man m\u00fcsste z. B. nicht f\u00fcnf Mal im Jahr den Reichstag drehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sandra Trostel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sandra Trostel ist Filmemacherin und Produzentin und besch\u00e4ftigt sich mit Storytelling in der Digitalit\u00e4t. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Analyse aktueller und zuk\u00fcnftiger gesellschaftlicher Entwicklungen durch die Digitalisierung. Ihre dokumentarischen Projekte wie Utopia Ltd., Everybody&#8217;s Cage oder All Creatures Welcome wurden auf internationalen Festivals, im Kino und Fernsehen pr\u00e4sentiert. 2020 hat sie zusammen mit Thies Mynther die Firma FAIRY BOT f\u00fcr transgressives Geschichtenerz\u00e4hlen gegr\u00fcndet. Mehr: <a href=\"https:\/\/sandratrostel.de\/about-me\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/sandratrostel.de\/about-me\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Filmemacherin Sandra Trostel hat anl\u00e4sslich des 20. Geburtstags der deutschen Wikipedia ihre Dokumentation \u201eAll Creatures Welcome\u201c (www.allcreatureswelcome.net) der Wikipedia und dem Freien Wissen zur Verf\u00fcgung gestellt. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Prinzip \u201e\u00d6ffentliches Geld \u2013 \u00d6ffentliches Gut\u201c. 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