Wichtige Schritte zur Offenheit

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»Öffentliches Geld – Öffentliches Gut!« ist eine der wichtigsten Kampagnen von Wikimedia Deutschland. Dazu gehört die Forderung, Bildungsbeiträge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks dauerhaft unter freier Lizenz online zur Verfügung zu stellen. 2022 war in dieser Hinsicht ein Erfolgsjahr: Über 50 Erklärvideos hat die tagesschau bereitgestellt, von denen einige auch schon den Weg in die Wikipedia gefunden haben.

Die erste gute Nachricht kam im Sommer 2022 von ARD und Bayerischem Rundfunk: Neuproduktionen von kolleg24 sollen künftig unter freier Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht werden. Das Nachfolgeformat des früheren Telekollegs – ein seit 1966 bestehendes Bildungsangebot des Bayerischen Rundfunks zum Erwerb von Mittlerer Reife oder Fachhochschulreife – stellt sich digital und interaktiv neu auf und kommt auch in puncto Offenheit auf der Höhe der Zeit an.

»Wir freuen uns sehr, dass mit dem Bayerischen Rundfunk eine weitere öffentlich-rechtliche Sendeanstalt Formate unter freier Lizenz veröffentlicht hat«, kommentiert New York-air, Gründer des Community-Projekts Wiki Loves Broadcast, den Schritt. »Die Wikipedia-Community kann nun entscheiden, wie Videos in der Wikipedia eingebunden werden.« Das gilt auch für Wikimedia Commons, der Sammlung für freie Mediendateien. Ehrenamtliche wie die Mitglieder von Wiki Loves Broadcast haben in den vergangenen Jahren unter anderem über 250 Clips der ZDF-Wissenssendung Terra X und andere öffentlich-rechtliche Formate in die Wikimedia-Projekte eingebunden, z. B. kurze Informationsvideos zu Themen wie »Klimafaktor CO2«, zum Nahostkonflikt oder zu Greta Thunberg.

Signal der tagesschau

Mit Videos von Terra X und dem vornehmlich über YouTube betriebenen jungen Content-Netzwerk »Funk« von ARD und ZDF haben die Öffentlich-Rechtlichen erste Schritte hin zu freien Lizenzen gewagt, die eine Verwendung in den Wikimedia-Projekten erlauben. Mittlerweile stellt Terra-X wöchentlich zwei Videos in Wikimedia Commons online. Jetzt kommen nicht nur kolleg24-Inhalte hinzu, sondern – die zweite positive Meldung des Jahres im Kontext »Öffentliches Geld – Öffentliches Gut!« – auch Erklärvideos der tagesschau. Sie ist die mit Abstand meistgesehene Nachrichten-Sendung im deutschen Fernsehen. »Das ist ein wichtiges Signal auch für andere Formate des öffentlich-rechtlichen Rundfunks«, so Frank Böker, Kommunikationsmanager Politische Rahmenbedingungen bei WMDE.

Zwar waren einzelne tagesschau-Beiträge auch zuvor schon unter einer Creative-Commons-Lizenz verfügbar. Allerdings war diese vergleichsweise restriktiv, weil sie die Bearbeitung und kommerzielle Nutzung ausschließt. 2022 hat die tagesschau nun über 50 Clips unter CC BY-SA 4.0 veröffentlicht (Namensnennung und Weitergabe unter gleichen Bedingungen). Das erlaubt die Einbindung in die Wikimedia-Projekte. »In manchen Redaktionen gibt es Vorbehalte und Ängste, dass Inhalte verändert oder genutzt werden könnten, um sich daran zu bereichern«, sagt Böker, betont aber auch: »Für missbräuchliche Verwendung gibt es so gut wie keine Beispiele.«

Anschaulich und lehrreich

Die Bedenken von Sender-Verantwortlichen werden nicht zuletzt am Runden Tisch abgebaut, zu dem WMDE schon seit 2018 einmal jährlich Vertretende der Rundfunkanstalten, aus Politik, Bildungssektor und Kreativbranche einlädt – um ein Bewusstsein für das zu schaffen, was Leonhard Dobusch, ZDF-Fernsehrat für den Bereich Internet, in einem Beitrag für den Tagesspiegel auf den Punkt gebracht hat: »Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine exklusive Finanzierung durch alle Mitglieder der Gemeinschaft verteidigen möchte, muss er zentrale Produktionen auch allen zugänglich machen, jedenfalls so frei wie möglich.«

Seit Beginn des Projekts Wiki Loves Broadcast sind auch Ehrenamtliche am Runden Tisch beteiligt. Sie sind es schließlich, die die Clips der Sendeanstalten auf ihre Wikipedia-Tauglichkeit prüfen, die Erklärvideos passenden Artikeln zuordnen und sich um die technische Einbindung kümmern. Tagesschau-Clips sind in der deutschsprachigen Wikipedia nun unter anderem zu Artikeln über Ausgleichsmandat, DNA-Computer oder Gender verfügbar – aufgerufen wurden sie 2022 binnen zweieinhalb Monaten über 150.000 Mal.

Das belegt, dass sich der Einsatz lohnt. Frei lizenzierte Wissensinhalte erreichen ein breites Publikum. Und sie helfen »fantastisch bei der multimedialen Ausgestaltung unserer Artikeltexte«, so der Ehrenamtliche Stefan Kühn, der sich bei Wiki Loves Broadcast engagiert. »In einer aufwendigen Videoanimation zu sehen, wie zum Beispiel die Berliner Mauer entstand oder wie der Humboldtstrom funktioniert, ist für alle Interessierten sehr anschaulich und lehrreich.«

Mehr als bloße Wiedergabe

Natürlich eignen sich Rundfunkinhalte unter freier Lizenz darüber hinaus auch bestens für den Einsatz an Schulen oder in anderen Bildungskontexten. Vor allem, weil sie – im Gegensatz zu Werken ohne entsprechende Erlaubnis – bearbeitet werden können. Zwar dürfen auch solche im geschlossenen Klassenverband zumindest vorgeführt werden, wie ein 2022 von Wikimedia initiiertes Rechtsgutachten geklärt hat.

Allerdings könnte die Möglichkeit, Bildungsbeiträge der Öffentlich-Rechtlichen zu verändern und den Bedürfnissen von Schüler*innen anzupassen, den Unterricht weit mehr bereichern als ihre bloße Wiedergabe.

Immerhin hat die tagesschau angekündigt, die Bereitstellung von Inhalten unter freier Lizenz 2023 noch auszuweiten. Wünschenswert wäre, dass andere dem Beispiel folgen. »Wir beobachten, dass sich zunehmend mehr Anstalten mit dem Thema auseinandersetzen und sich dazu positionieren«, schildert der Wikipedianer New York-air seine Beobachtung. Er ist ebenfalls bei Wiki Loves Broadcast engagiert. »Damit haben wir schon einmal erreicht, dass ihnen das Thema bekannt ist.«