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Allmende

Allmende statt „Open Everything“: Seit es so einfach ist, Inhalte über das Internet sofort und überall verfügbar zu machen, müssen Offenheit und Gemeingüter differenzierter gedacht werden. Welche Allmenden funktionieren analog und digital – welche nicht? Und was sind die Faktoren, die Allmenden im Netz wirklich nachhaltig machen?

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Allmende statt Open Everything – Wie neue Konzepte der Offenheit gedacht werden können

  • Silke Helfrich

Ein Essay von Silke Helfrich

„Offenheit“ sagt sich leicht dahin und ist doch kein Leichtes. In Vertrauensräumen ist es relativ einfach, offen zu sein und etwas freizugeben. Menschen fürchten dann nicht, über den Tisch gezogen zu werden. Sie vertrauen darauf, dass das, was sie freigeben, von anderen auch sinnvoll genutzt wird. Wie etwas offengehalten – im Sinne von frei zugänglich – wird, bestimmt oft die Technik. Der Riegel eines Gartentors lässt sich schnell beiseiteschieben. Ein Schloss erschwert die Sache, die Einzäunung mit Klingendraht macht die Nutzung des Gartens durch Dritte fast unmöglich.

Ähnlich wie in der analogen Welt wird auch im Digitalen der Zugang zu Inhalten auf technologischen und rechtlichen Wegen geregelt und durchgesetzt (Stichworte: Kopierschutz, Urheberrecht). Etwas zu öffnen, gar alles zu öffnen (Open Everything), ist genau genommen eine besondere Form eines solchen Reglements. Regeln wiederum sind ein wichtiger Begriff in der Allmende. Das Wort Allmende stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet ursprünglich: allen in der Gemeinde abwechselnd zukommend. Diesen Anspruch einzulösen, bedarf seit jeher
vielfältiger und differenzierter Regeln.

Jenseits von »offen vs. geschlossen«

Seit es so einfach ist, Inhalte über das Internet sofort und überall verfügbar zu machen, wird leider wenig differenziert. Von »Offenheit« ist geradezu leichtfertig die Rede. Dabei wird oft übersehen, dass diese Kategorie einen bestimmten Denkrahmen aktiviert: »offen oder geschlossen«. So wie »schwarz oder weiß«, »ganz oder gar nicht«, »Mann oder Frau« – es wird hier Zweiheit und Gegensatz beschrieben, wo Vielfalt und Zusammenhang sind. Das aktiviert zuverlässig unseren Entweder-Oder-Denkmodus; wir kennen das Phänomen zum Beispiel aus Debatten über territoriale Grenzen – »auf oder zu«.

Land Art „Allmende“ von Stefanie Brottrager. Bild: Chri Strassegger, CC BY-SA 3.0

Das Problem ist: Wenn wir lediglich die beiden Extreme eines riesigen Spektrums möglicher Zugangsregeln benennen, verengen wir unseren Blick. Das gilt sowohl für die analoge als auch für die digitale Welt. In letzterer entsteht »offener« Zugang zu einem Werk, wenn selbiger nicht per Urheberrecht oder Bezahlschranke eingeschränkt wird. Die entsprechenden Geschäftsmodelle werden als »proprietär« bezeichnet. Die Regelung der Zugangsrechte beruht hier grundsätzlich auf einer Idee des Ausschlusses, was dazu führt, dass künstlich verknappt wird, wo im Grunde mehr entstehen kann, wenn wir es teilen. Die Verknappung wiederum setzt voraus, dass wir Wissen und Ideen zum Eigentum machen und das wiederum ist Voraussetzung dafür, Inhalte und Informationen als Waren zu behandeln wie alle anderen – zum Beispiel Turnschuhe, Fahrräder oder Brötchen. Es ist richtig, sich gegen diese eigentümlichen Verknappungen und Kommodifizierungen zu wehren. Aber es ist unklug, das im Entweder-Oder-Modus zu tun.

Peer-Openess: differenzierte Regeln nach Nutzungsform

Open Everything für alle und für jedweden Zweck kommt — so die These — letztlich einer Erlaubnis zur individuellen Aneignung bzw. Re-Privatisierung gleich. So können sich große Unternehmen an der Software- und Wissensallmende bedienen und diese in die eigenen Verwertungsketten einspeisen. Wer Marktmacht hat, wird dadurch strukturell bevorteilt. Um das zu verhindern, ist Differenzierung wichtig. Die Wissensallmende könnte beispielsweise für manche Zwecke und Nutzergruppen frei zur Verfügung gestellt werden, für andere nicht. Wir können von denen, die nichts zur Wissensallmende beitragen, Geld für die Nutzung verlangen. Die Eigenart schöpferischer Prozesse und die soziale Dynamik, durch die Werke entstehen, sollten zudem in den Zugangs- und Nutzungsregeln sichtbar bleiben. Das erfordert sensible Aushandlungsprozesse und einen wachen Blick fürs Detail.

In der Begeisterung für »Open Everything« geraten gerade aber gerade die Details tendenziell in den Hintergrund. Wenn eine Datenbank in »bürgerwissenschaftlicher« Arbeit aufgebaut wird oder Foto-Fans ihre Bilder »einfach so« online stellen, wollen sie möglicherweise nicht direkt dazu beitragen, dass sich das Machtgefälle noch weiter zugunsten der Marktmächtigen verschiebt. Im Gegenteil, sie wollen zum Gemeinsamen beitragen. Deshalb brauchen wir Zugangs- und Nutzungsrechte, die es uns erleichtern, die Wissensallmende als Commons zu schützen.

Creative-Commons-Lizenzen – für mittlerweile mehr als 1,6 Milliarden Werke – bieten Urheberrechtsinhaber*innen einfache und standardisierte Optionen an, vorab ihre Erlaubnis zur Weitergabe und Nutzung ihrer Werke zu erteilen. Nur einige der CC-Lizenzen schützen dabei das Werk als Commons. Andere beruhen auf der Idee der weitgehend bedingungslosen Freigabe für jedweden Zweck. Das hat – genau wie die Sorglosigkeit im Umgang mit Open Everything – dazu beigetragen, dass viele Menschen meinen, Commons seien allgemein und prinzipiell »offen«.Die Zugangsregel »offen« wird auf diese Weise mit der Nutzungsregel »frei« im Sinne von kostenlos verwechselt – so als ginge es darum, dass sich alle an allem bedingungs- und kostenlos bedienen könnten. Dem ist nicht so. Sinn und Zweck eines Commons ist es, gemeinsam verantwortete Verfügung zu sichern und die Vorteile für alle Beteiligten zu maximieren. Das erfordert durchdachte und situationsspezifische Zugangs- und Nutzungsregeln.

Zugangsfragen nie ohne Bereitstellungsfragen denken: share & steward

Wenn wir kollektive Handlungsmöglichkeiten erweitern, künstliche Verknappungen beenden und die ohnehin schon übermächtigen Akteure nicht noch zusätzlich aus der Allmende nähren wollen, reicht die Verteidigung der Offenheit nicht aus. Wir müssen deshalb den dualistischen Denkrahmen »offen vs. geschlossen« aufgeben und uns neue Konzepte überlegen. Peer Openness etwa: „Ist das ein peer-offenes Dokument?“, fragte mich kürzlich ein Kollege. „Nein, es wurde an Elsevier abgetreten und der Verlag wird deine Peers zur Kasse bitten.“

Darüber hinaus hilft der schlichte Gedanke, Zugangsfragen nie losgelöst von Bereitstellungsfragen zu denken: „Wie kommen Inhalte und Werke eigentlich in die Welt?“ Statt nur über das„freie Weitergeben“ zu reden, müssen wir im Blick behalten, dass Wissen auch geschöpft und bewahrt werden muss. Auf dieses auch kommt es an. Das Eine (das Weitergeben) lässt sich ohne das Andere (das Schöpfen und Bewahren) nicht sinnvoll regeln. Und wenn wir beides regeln, sollte die Ausrichtung immer sein: Wissen und Inhalte dem Markt zu entziehen und als Allmende (Commons) zu behandeln. Nur so entsteht wirklich für alle der größte Nutzen.

Weitere Infos:

Silke Helfrich: Commons statt Markt-Staat: Eine post-corona Sonate

Silke Helfrich

Silke Helfrich ist eine der bedeutendsten Vordenkerinnen und Forscherinnen zu Gemeingütern und Commons. Sie hat romanische Sprachen und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Ökonomie studiert. Helfrich ist freie Autorin, Aktivistin, Forscherin, Bloggerin und vielgebuchte Rednerin. Die Mitbegründerin des Commons-Institut e. V. und der Commons Strategies Group lebt und arbeitet im Jagsttal.

3 Fragen an:

  • Leonhard Dobusch

Welche Allmenden funktionieren analog und digital – welche nicht?

Das hängt stark davon ab, wie die Institutionen ausgestaltet sind, die die Allmende regulieren: Wer Zugang hat, wer beitragen darf, oder eben nicht. Es kommt darauf an, wie groß die Gruppe ist, die zu einer Allmende beiträgt oder sie potenziell nutzen kann – und wie asymetrisch das Verhältnis zwischen Nutzenden und Beitragenden ist. Darin unterscheiden sich die Allmenden im analogen und digitalen Bereich kaum. Worin sie sich unterscheiden, das ist die Frage der Übernutzung, wie sie auf der Dorfwiese passieren kann, oder wenn es um unsere Umwelt geht, unsere Ökosysteme – das gibt es im digitalen Bereich nicht. Im Gegenteil.

Ein Beispiel: wissenschaftliches Wissen, auch ein Allmende-Gut. Wissenschaft funktioniert dann am besten, wenn möglichst viele Menschen möglichst viel Zugang haben. Das Problem ist hier eher die Bereitstellung. Das hat man durch öffentlich finanzierte Universitäten und Forschungsreinrichtungen gelöst. Bei Wikipedia ist das Bereitstellungsproblem durch freiwillige Beiträge und Spenden gelöst. In beiden Fällen gibt es kein Übernutzungsproblem. Die Wikipedia wird nicht weniger wert, sondern mehr, wenn möglichst viele Menschen sie nutzen. Weil dann mehr Fehler gefunden werden, weil generell Wissen in Gebrauch an Wert gewinnt.

Equisetum pratense Luc Viatour. Bild: I, Luc Viatour, CC BY-SA 2.5

Was sind die Faktoren, die Allmenden im Netz wirklich nachhaltig machen?

Es gibt viele Aspekte, die relevant sind, um Allmende-Güter im digitalen Raum nicht nur bestehen, sondern auch wachsen, gedeihen zu lassen. Zum einen rechtlich-regulatorische Maßnahmen, die eine Einhegung verhindern. Da ist der Klassiker die freie Lizenz, die in der Wikipedia oder auch bei freier Software zum Einsatz kommt und verhindert, dass etwas, das gemeinschaftlich, kollektiv erstellt wurde, wieder zur Ware wird.

Ein zweiter Aspekt ist, dass die Allmende ihren Wert nur behält, wenn sie kontinuierlich gepflegt wird, immer wieder erneuert. Zu einer Allmende gehört eine Community, die sie befüllt, aber auch nutzt. Das müssen nicht dieselben Leute sein. Nur ein kleiner Bruchteil der Menschheit befüllt die Wikipedia. Aber die ganze Welt nutzt sie. Niemand würde fordern, dass sie nur Leute nutzen dürfen, die auch beitragen. Ich unterscheide in der Regel zwischen einer Community, die zur Allmende beiträgt, und einer Crowd, die sie nutzt. Um eine nachhaltige digitale Allmende zu haben, braucht es beides. Wobei die Community für die bloße Existenz wahrscheinlich wichtiger ist als die Crowd.

In welchem Fall würde es Sinn machen, auch den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) zu handhaben wie ein Gemeingut?

Unterschiedliche Werke, die vom ÖRR produziert werden, haben unterschiedliche Allmende-Nähe oder -Ferne. Nachrichten, Informationen, Daten sind sehr nahe an Bereichen, die einen Allgemeingut-Charakter haben. Es gibt ja auch ein Informationsrecht der Allgemeinheit. In diesem Bereich spricht für mich nichts dagegen, die Inhalte unter einem starken Allmende-Regime zu veröffentlichen, das eine sehr weitreichende Nutzung erlaubt. Das betrifft zum Beispiel freie Lizenzen, die auch Wikipedia-kompatibel wären.

Dann gibt es einen Brückenbereich wie zum Beispiel den Dokumentarfilm. Dokumentarfilme lassen sich schlecht monetarisieren, sie müssen ohnehin zum allergrößten Teil öffentlich vorfinanziert werden, und gleichzeitig haben sie starken Informations-Charakter. Hier wird ja auch unter den Filmemacherinnen und Filmemachern längst debattiert, ob es neben dem gewohnten nicht auch ein Allmende-Modell geben sollte.

Wieder etwas anderes ist der Bereich von fiktionalen Produktionen. Die Kulturproduktionsindustrie in ihrer derzeitigen institutionellen Verfasstheit ist ja sehr Allmende-fern. Sie wird auch primär von einem Urheberrecht reguliert, das zu großen Teilen Allmende-feindlich ist. Hier zu einer Allmende-basierten Produktion zu gelangen, das hat den Charakter einer Utopie – über die ich allerdings gern nachdenken würde.

Weitere Infos:

Wikimedia-Salon „A=Allmende. Wohin steuern Gemeinschaftsprojekte im Netz?“ (2014)

Leonhard Dobusch

Leonhard Dobusch, Betriebswirt und Jurist, forscht als Universitätsprofessor für Organisation an der Universität Innsbruck u.a. zum Management digitaler Gemeinschaften und transnationaler Urheberrechtsregulierung. Er ist Mitgründer und wissenschaftlicher Leiter des Momentum Instituts, seit 2016 Mitglied des ZDF-Fernsehrats und bloggt bei netzpolitik.org.