Im Interview: Sabria David

Sabria David ist seit 2014 Mitglied des Wikimedia Präsidiums. Im Interview erzählt Sabria von ihrem Weg ins Präsidium und den Eindrücken und Veränderungen, die sie im Laufe ihrer Zeit erlebt und angestoßen hat.

„Wir brauchen eine Diversität der Kompetenzen, der Perspektiven und der Herangehensweisen, der Geschlechter und auch des Alters.“

Sabria, bei deiner Arbeit bei Wikimedia, wie sehr spielt da die Wikipedia eine Rolle?

Sie spielt schon eine große Rolle, weil Wikipedia unser Flaggschiff ist – die Brücke zur Gesellschaft sozusagen. Auf Wikipedia greifen die unterschiedlichsten Leute zu, aus unterschiedlichen Ländern, Bildungsschichten, ganz unabhängig vom Alter. Es gibt kaum noch jemanden, der die Wikipedia nicht kennt. Und das finde ich berührend, wie weit wir in der Gesellschaft verbreitet sind. 

Welche Rolle hat die Wikipedia im Gesamtkontext Wikimedia? 

Die Hauptvision ist ja, dass alle zum Wissen der Welt beitragen können – also nicht nur Zugang zu dem Wissen haben, sondern auch vor allem das Wissen erweitern und die eigene Perspektive einbringen können. Da ist die Wikipedia die zentrale Verbindungsstelle, aber natürlich steckt da noch viel mehr dahinter. Freies Wissen heißt ja nicht nur „Online Enzyklopädie“ – das heißt auch Wikidata, Wikimedia Commons, das heißt du brauchst Bilder, du brauchst Daten. Du brauchst aber auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und das Bewusstsein in der Bevölkerung, dass jede*r selbst Autor*in sein kann. Du brauchst die politischen Rahmenbedingungen, ein entsprechendes Urheberrecht, die Technik dahinter, und natürlich Innovationsmut bzgl. der Frage, welche technische Entwicklungen beachtet werden müssen. Das ist vielen nicht bewusst, aber das gehört eben auch alles mit zu Wikimedia. 

Wie schafft ihr es, all diese Aspekte bei eurer Präsidiumsarbeit zu berücksichtigen? 

Wichtig ist, dass man als Präsidium einen strategischen Blick auf das Ganze behält. Dass man seine Verantwortung als Präsidiumsmitglied kennt. Sich anzuschauen im Großen und Ganzen, wohin soll es gehen und wie kommen wir dahin. Natürlich muss man auch einen Blick für die kleinen Dinge haben, um die Gesamtstrategie umsetzen zu können.

Welche Rolle hat der geschäftsführende Vorstand von Wikimedia Deutschland? Setzt er eure Überlegungen und strategischen Einschätzungen um? 

Genau, unser Vorstand, Abraham Taherivand, ist die Schaltstelle. Wenn man sich eine liegende Acht vorstellt, also ein Unendlichkeitszeichen, dann hast du auf der linken Seite die Arbeit des Präsidiums – also die Strategie. Rechts in der Schleife das Operative – die Arbeit der Geschäftsstelle. Und in dieser Kreuzung in der Mitte ist der Vorstand. Wir führen nur über den Vorstand – nicht direkt in die Geschäftsstelle. Der Vorstand ist dafür zuständig die Strategie mit dem Wirtschaftsplan umzusetzen und an uns zu reporten. Unsere Aufgabe ist es dann, diese Reports auszuwerten und wenn nötig andere Weichen zu stellen oder die Strategie anzupassen, in Abstimmung mit ihm. Das ist dann eine Art Ping Pong zwischen uns und Abraham, weil er das Operative im Blick hat.

Wie hoch ist der Zeitaufwand, der für diese Präsidiumsarbeit nach deiner Erfahrung anfällt? 

Wir haben Präsidiumsklausuren und Präsidiumssitzungen, zudem auch Konferenzen und die Mitgliederversammlungen, plus Telefonkonferenzen. Also man sieht sich schon relativ häufig. Der Zeitaufwand schwankt von einem Tag in der Woche bis ein Tag pro Monat. Und es bindet auch energetische Kraft. Man kann ja nie alles zu Ende gemacht haben, du hast im Grunde nie genug gelesen. Vor allem was das Thema Global Movement Strategie angeht, indem wir als deutsches Chapter gerade auch aktiv eingebunden sind. Das finde ich persönlich total interessant. Ich könnte mich da auch locker 10 Stunden am Tag mit beschäftigen. Da muss man sich auch gut bremsen können.

War es während deiner bisherigen Zeit eine große Herausforderung das Ehrenamt mit dem Familien- und dem Berufsleben abzustimmen? 

Ich bin zum ersten Mal 2014 gewählt worden. Da waren meine Kinder gerade 10 und 14. Da war es schon manchmal nicht leicht, so ein Ehrenamt wie dieses mit den Familienressourcen zu vereinbaren. Als Berufstätige mit Kind muss man schon gut haushalten mit den Zeit- und Energiereserven.

Was motiviert dich an deiner Arbeit für Wikimedia? 

Ich habe neulich einen Tweet geschrieben: ‚Ich glaube an das Gute, wer glaubt mit?‘ Und die ersten fünf, die das geteilt haben, waren alle Wikimedianer. Ich glaube nicht, dass das Zufall war, und das hat mir ein warmes Gefühl gegeben. Man möchte einfach seinen Beitrag dazu leisten, dass die Welt eine gute Welt ist. Da gehört eben ein bisschen Idealismus dazu. Ich bin jemand mit großem Gestaltungwillen und im beruflichen Leben hat man manchmal nicht die Gelegenheit alle Fähigkeiten abzurufen. Ich sehe diesen Gestaltungspielraum, den ich durch Wikimedia bekomme, als eine Art Belohnung. Zum Beispiel stellen wir uns als Wikimedia und Wikipedia die Frage, in welcher digitalen Gesellschaft wir leben wollen – wie wollen wir die Zukunft gestalten? Da merke ich immer wieder, dass diese Organisation und auch Wikipedia ein tolles „Role Model“ ist, für die ganzen Herausforderungen denen man sich in einer digitalen Gesellschaft stellen muss. Da kann ich wirklich etwas mitgestalten und Mechanismen entwickeln, die dann vielleicht auch andere nutzen können.

Wie viele Vorkenntnisse braucht man für so einen ehrenamtlichen idealistischen Einsatz für eine freie digitale Wissens-Gesellschaft? 

Meinen Weg habe ich zuerst als Wikipedistin und nicht als Wikipedianerin begonnen. Im Gegensatz zu den Wikipedianern, die in der Wikipedia aktiv schreiben, sind Wikipedisten diejenigen, die über die Wikipedia und ihre Mechanismen forschen. Das war mein Einstieg. Weil Wikipedia für mich ein faszinierendes Beispiel dafür ist, was Menschen mithilfe einer digitalen Infrastruktur an Gutem auf die Beine stellen können. Ich wurde zu Vorträgen eingeladen, habe Konferenzen moderiert und war im Auswahlkomitee der Wikipedia Akademie, und daher kannte man mich. Dann wurde ich von unterschiedlichen Lagern gefragt, ob ich nicht für das Präsidium kandidieren möchte. Und das habe ich dann getan. 

Ist es ein Problem, wenn man „fachfremd“ ist? 

Ein Blick aus einer anderen Perspektive kann sehr fruchtbar sein. Ich war damals nicht im Wikimedia-Ökosystem, ich kam quasi von außen. Und es hat mich auch sehr gefreut, dass ich dann gewählt worden bin. Aber ich hatte natürlich vorher Schnittmengen und Berührungspunkte. Die braucht es schon. 

Was hast du in der Zeit umsetzen können, seit du dabei bist? Was hat sich verändert? 

Als ich eingestiegen bin gab es zuvor eine sehr unruhige Zeit im Verein. Aber es gab in dem Präsidium, das dann gewählt wurde, ein sehr konstruktives Arbeitsklima, mit unterschiedlichen Meinungen, aber immer sehr sachlich-wertschätzend in der Auseinandersetzung und Entscheidungsfindung. Das ist mir auch sehr wichtig. Ich investiere meine Zeit gerne, wenn sie an der richtigen Stelle einfließt, aber nicht um Revierkämpfe zu führen. Wir haben seitdem auch jede Menge aufgebaut. Wir haben einen partizipativen Strategieprozess entwickelt, den Wirtschaftsplan und das ganze Reporting-System. Da hat es vor allem auf struktureller Ebene große Veränderungen gegeben, die aber alle dazu geführt haben, dass es gut und konstruktiv läuft. Inzwischen muss man auch schauen wie man als Organisation gut mitwachsen kann. Als deutsches Chapter sind wir nach der Foundation die bei weitem größte Wikimedia-Organisation. Für uns als Präsidium heißt das, dass wir uns auf die großen Dinge fokussieren können, die strategischen Fragen, unsere perspektivische Zukunftsfähigkeit. Das ist in kleineren Chaptern nicht der Fall, da man als Boardmitglied viel mehr in Operatives eingebunden ist. Für mich ist das ein großer Luxus, mich nicht um einen neuen Drucker kümmern zu müssen. Aber das bringt für mich auch eine gewisse Verantwortung mit gegenüber den anderen Chaptern der Welt, die einfach nicht über diese Ressourcen verfügen. Ich sehe unsere Aufgabe so, dass wir uns auch mit den schwierigen und unbequemen Fragen befassen müssen und dann unsere Erkenntnisse weiterreichen. 

Gibt es grundlegende Fähigkeiten, die man als Bewerber*in bereits mitbringen sollte um diese Verantwortung wahrnehmen zu können? 

Es ist wichtig, dass es Leute sind, die auch bereit sind, ihren Hut in den Ring zu werfen. Neben Fachkenntnissen sind vor allem Metakompetenzen wichtig, also ein strategischer Blick und ein gewisses Gespür für das große Ganze. Außerdem ist wichtig, dass man sich diese Lernkurve zutraut. Egal aus welchem Hintergrund man kommt, man wird niemals alle Kompetenzbereiche abdecken. Die Herausforderungen sind zu komplex. Allein beispielsweise die rechtlichen Copyright-Hintergründe, wie funktioniert der Bauchraum der Wikipedia-Autoren oder die Einbindung von Institutionen, welche technischen Entwicklungen betreffen uns, wie können wir neue Autor*innen gewinnen und wie kann man weltweit denken. Das sind viele unterschiedliche Aspekte, die da zusammenkommen – die kann keiner alle auf Anhieb kennen und sich darin auskennen. Deshalb braucht es Leute, die sich diese Lernkurve zutrauen. Das Onboarding ist aber ziemlich gut, wir haben ein Präsidiumshandbuch entwickelt und werden wunderbar von unserem Referenten unterstützt.

Wie garantiert ihr, dass im Präsidium genug Blickwinkel repräsentiert sind? 

Diversität hat ja viele Gesichter. Wir brauchen eine Diversität der Kompetenzen, der Perspektiven und der Herangehensweisen, der Geschlechter und auch des Alters. Man weiß natürlich nicht vor jeder Wahl, wer da aufeinander trifft im neuen Präsidium Da ist auch Rollenklarheit wichtig. Wir hatten einmal einen Workshop im Präsidium. Es ging um die Frage, wer welche Aspekte und Kompetenzen vertritt. Jede*r sollte aufschreiben, was er/sie gerne macht und was nicht. Spannend war, dass sich das super ergänzt hat: Was ein Präsidiumsmitglied nicht gerne macht, macht ein anderes gerade besonders gut und gerne. Wir müssen nicht alle alles können, aber wir müssen uns gut ergänzen. Deshalb ist es so wichtig auch für uns im Präsidium divers zu sein, um alle Felder abdecken zu können. Das ganze Kooptationssystem gehört deshalb auch zu den Dingen, die wir eingeführt haben. Um als Gremium divers genug zu sein und alle Bereiche abdecken zu können, haben wir mit dem Verfahren die Option, zusätzlich zu den sieben gewählten Mitgliedern zwei weitere Präsidiumsmitglieder aufzustellen, je nachdem was fehlt.

Welche eurer Aufgaben ist aktuell besonders wichtig? 

Ich denke eine wichtige Aufgabe ist darauf aufzupassen, dass unser ganzes Wikimedia-Ökosystem unverletzt bleibt und lebendig und mutig genug für die Zukunft ist. Wikipedia ist die Wissensreferenzquelle Nr. 1 – und da ist es natürlich gerade in solchen anfälligen Veränderungszeiten wie im Moment sehr wichtig, verlässlich zu sein. Wir müssen alles dafür tun, stabil, gesund und anpassungsfähig zu bleiben – damit wir da unserer Verantwortung nachkommen können.