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„Da gibt es doch so ein Laienprojekt im Internet…“

Von: Superikonoskop

Vor etwa fünfzehn Jahren sollte ich in kürzester Zeit eine Ausstellung zur Geschichte des Humanismus auf die Beine stellen und einen entsprechenden Reader schreiben. Wie sollte ich das innerhalb weniger Wochen schaffen, noch dazu, da es nicht mein Spezialgebiet ist? Da gibt es doch so ein Laienprojekt im Internet, dachte ich mir … Nun, die Ausstellung wurde rechtzeitig fertig, der Designer machte die Quellenverweise der Wikimedia Bilder auf den Ausstellungstafeln so klein, dass zum Lesen ein Mikroskop notwendig gewesen wäre, wofür ich mich – wenn auch schuldlos – hiermit entschuldige.

Ich hatte es geschafft, mit der Vorarbeit ehrenamtlicher Autoren im „Laienprojekt“ Wikipedia. Grund genug, dafür etwas zurückzugeben.

Natürlich holt man sich als nicht ganz unprätentiöser Akademiker seine Blessuren. Zunächst arbeitete ich mit Klarnamen. Als ein Streit über meinen Namenszusatz entstand, wählte ich als Pseudonym eine Bildaufnahmeröhre, an deren Verbesserung mein Vater um 1950 gearbeitet hatte. Als es ihm sehr schlecht ging, setzte ich einen Artikel über den in Fachkreisen bekannten Rundfunkpionier online, drei Tage später verstarb er, was ich im Artikel ordnungsgemäß vermerkte. Manche Zeitungen berichteten über den Tod meines Vaters. Die Kollegen von Wikipedia setzten ihn ohne mein Dazutun unter der Rubrik „Kürzlich Verstorbene“ auf die Startseite, entsprechend groß waren die Zugriffszahlen. Ich weiß nicht warum, aber das war ein wirklich großer Trost in jener Zeit.

Da ich nicht täglich viele Stunden Zeit für Wikipedia habe wie manch andere User, musste ich mich beim Zurückgeben spezialisieren. Neben vereinzelten Artikeln und gelegentlicher Artikelarbeit habe ich mich seit über einem Jahrzehnt in erster Linie einem Thema zugewandt, das mich – aus welchen Gründen auch immer – als Déjà-vu seit der Kindheit verfolgt: der Erste Weltkrieg. Ein undankbares Monsterthema: Fasst man es eher pädagogisch-didaktisch an, um mit allseitigem Beifall rechnen zu können, oder wirklich enzyklopädisch? Ich blieb bei Letzterem.

Im Jahre 2015 veröffentlichte der vielleicht profilierteste Kenner der Materie, Gerd Krumeich, im C.H. Beck Verlag ein Buch mit dem Titel „Der Erste Weltkrieg. Die 101 wichtigsten Fragen“. Auf Seite 149 findet der geneigte Leser die letzte, die 101. Frage und Krumeichs Antwort darauf: „Wie kann man sich am schnellsten über den Ersten Weltkrieg informieren? –  Auch dem Fachmann kommt heutzutage bei dieser Frage als erstes Wikipedia in den Sinn. Aber nur diesem erschließt sich leicht, welche Artikel unzureichend und welche sogar sehr gut und weiterführend sind. Man erkennt dies u.a. an der Art und Menge der angeführten Literatur, auch die Links zu den Quellen können sehr nützlich sein.“ – Man muss es nicht als Lob sehen. Aber man kann. Und es ist nicht das Lob für einen Autor, sondern für ein System.

Im zeitgeschichtlichen Zusammenhang hatte ich mich zudem schon vor Jahren in das Thema „Spanische Grippe“ eingelesen und konnte so, im Berufsleben als Soloselbständiger lahmgelegt, seit Beginn der Corona-Pandemie den angelegentlich stark nachgefragten Artikel auf das Niveau heben, den man bei Wikipedia inzwischen erwartet, unter Umständen durchaus mit Einfluss auf die Politik von Bund und Länder bezüglich der Eindämmung der aktuellen Krise. Fertig und perfekt sind freilich weder der Artikel „Erster Weltkrieg“ noch jener mit dem Titel „Spanische Grippe“, aber sie werden besser und besser.

Im realen Leben bin ich unter anderem Buchautor und schrieb über fünfzehn zumeist populärwissenschaftliche und heimatkundliche Bücher. In der Regel waren es Auftragsarbeiten für Verlage. Derzeit ist mein erster Roman mit dem Arbeitstitel „Déjà-vu und Erinnerung – eine Reise mit Wikipedia“ in Vorbereitung. Leider wurde er nicht mehr rechtzeitig zum 20. Jubiläum fertig. Aber zum 25. liegt das Buch sicher vor, sofern ich einen Verleger finden. Damit habe ich keine großen Erfahrungen, weil bisher immer die Verlage mich suchten und ich mir insofern keine Gedanken machen musste. Aber da bin ich genauso optimistisch wie für die Zukunft von Wikipedia.


Grüße
Superikonoskop