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“Eine tolle win-win-Situation!“

Von: "Joe Hawkins"

Ich fühle mich der Wikpedia als Nutzer und Förderer, vor allem aber als Autor sehr verbunden – auf Grund meiner ganz persönlichen Wikipedia-Geschichte:


Um 2010 hatte mein beruflicher Stress stark zugenommen. Ich saß immer länger im Büro und kam immer ausgelaugter nach Hause. Meine sozialen Kontakte nahmen ab, ich verkroch mich nur noch zuhause und in mir selber, und ich näherte mich einem Burnout. Ich kam nach Hause und tauchte in das Internet ein, sah mir Spielfilme oder Musikdokus an oder suchte nach Artikeln dazu, und hoffte, das ich von der Welt ansonsten in Ruhe gelassen würde. Irgendwann stieß ich dabei auf einen Artikel auch in der Wikipedia, der aber große Lücken und Vereinfachungen aufwies  (es ging um eine Punkband). Zwei Lichter gingen mir dabei gleichzeitig auf: zum einen, dass die Wikipedia eine riesige Datenbank zu allen denkbaren Themen ist, sogar auch der Popkultur, und zum anderen, dass diese Wikipedia ja völlig auf die Mitarbeit von Freunden und Kennern der jeweiligen Themen angewiesen ist.


Ich schaute mir dann mal genauer an, wie das so funktioniert mit der Wikipedia, um vielleicht diesen und jenen Artikel zu verbessern. Dass man damit ja gleichzeitig eine Datenbank für die gesamte Weltöffentlichkeit mitgestaltet , das fand ich sofort eine großartige Erkenntnis! Durch mein persönliches Umfeld bin ich mit Portugiesen und Brasilianern stark verbunden, und ich suchte dann auch zu passenden Artikeln. Da merkte ich dann schnell, dass es zu Ländern aus dem portugiesischsprachigen Raum einen deutlichen Mangel an Einträgen gab, zum Teil sogar auch noch zu Basisthemen. Und da hatte ich dann eine für mich entscheidende Erleuchtung: dass ich mit meinen Portugiesisch-Kenntnissen und meiner Verbindung zum portugiesischsprachigen Raum einen Mangel an Artikeln in dem Gebiet beheben helfen kann. Und ich bemerkte, welche tiefe Befriedigung ich empfand, fehlende Artikel zu ergänzen oder mangelhafte Artikel zu verbessern, dauerhaft und für alle Menschen offen und gratis! Und das ganz anonym, ohne hohen Hürden und ohne fordernde Ansprüche an mich persönlich. Hier bekam ich also gleichzeitig innere Bestätigung und innere Ruhe, genau das, was mir gerade gut tat!


Meine Wochenenden verbrachte ich nun oft vollständig mit dem Verfassen und dem Ausbauen von Artikeln, oft ganz wörtlich, von Freitag Nachmittag bis Sonntag Nacht! Und nach einiger Zeit verbesserte sich tatsächlich meine Laune wieder! Das alles geschah völlig unbewusst und unbeabsichtigt, aber es geschah ganz offensichtlich. Je wichtiger mir die Arbeit in der Wikipedia wurde, umso unwichtiger nahm ich meine Büroarbeit, die mich damit weniger stark belastete. Und ich lernte bei den Recherchen zu den Artikeln auch sehr viel Neues und auch sehr viel zu den Strukturen und Institutionen in den Ländern (vor allem Portugal, aber auch Brasilien und den fünf afrikanischen Ländern portugiesischer Sprache), darunter sogar Dinge, die selbst Portugiesen und Brasilianern oft gar nicht bekannt sind. Auch meine Formulierungen wurden immer sachlicher, konkreter und fehlerfreier, was auch meinen beruflichen Schriftwechsel verbesserte und mich auch dort weiter entspannte. Die Kritik aus der Wikipedia-Gemeinschaft war dabei eine große Hilfe, wenn anfangs auch oft behindert durch – oft sogar unnötige – Diskussionen mit anderen, sich sehr wichtig nehmenden und teils sehr “besserwissenden” und autoritär auftretenden Mitschreibern ohne Rücksicht und Verständnis für Unerfahrene. Die Erfolgserlebnisse überwogen aber bei weitem, auch wenn meine Artikel selten das Interesse einer Mehrheit abdecken. Manchmal aber doch! Einmal legte ich einen Artikel für den portugiesischen Schauspieler Paulo Pires an. Etwas später wirkte er in einem Fernsehfilm mit, und dieser romantische ZDF-Sonntagsfilm “Ein Sommer in Portugal” (2013) wurde offensichtlich viel gesehen. Und der Hauptdarsteller Paulo Pires kam dabei anscheinend gut an, “mein” Artikel wurde tausendfach angeklickt. Das war dann mal eine zusätzliche schöne Bestätigung.


In etwa einem halben Jahr feiere ich mein 10jähriges Jubiläum als Wikipedia-Autor. Die Wikipedia ist weder mein Arbeitgeber noch sollte sie sich zu sehr in das Leben der Autoren drängen, finde ich, entsprechend erwarte ich auch keine Urkunde oder goldene Anstecknadel. Aber für mich persönlich ist dies nach tausenden neuen Artikeln und zehntausenden Bearbeitungen eine echte Erfolgsgeschichte, die mein Leben bereichert hat. So kann ich mich nur für die Wikipedia bedanken, weil sie mir in einer persönlichen Krise sehr geholfen hat. Dass meine Arbeit im Gegenzug auch der Wikipedia geholfen hat, das macht den gemeinnützigen Charakter der Wikipedia so richtig deutlich. Eine tolle win-win-Situation!


Viele Grüße, Autor “Joe Hawkins”