Im Interview: Lukas Mezger

Dr. Lukas Mezger, 33, ist seit gut einem Jahr Vorsitzender des Präsidiums von Wikimedia Deutschland. Er ist hauptberuflich Rechtsanwalt für Medien- und IT-Recht in Hamburg. In diesem Interview gibt er einen Einblick in seine Gedanken zu Wikimedia und seiner Rolle als Präsidiumsmitglied.

„Die Zusammenarbeit im Präsidium ist wahnsinnig konstruktiv. Der große Vorteil ist, dass wir alle voll und ganz hinter den Grundsätzen und den Zielen des Vereins stehen.“

Lukas, wie erklärst du den Unterschied zwischen Wikipedia und Wikimedia?

Wikimedia Deutschland ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein mit mittlerweile rund 80.000 Mitgliedern und aktuell circa 140 hauptberuflichen Mitarbeiter*innen.

Die Wikipedia wiederum wird von einer ehrenamtlichen Community organisiert, geschrieben und redigiert. Das sind (im Fall der deutschsprachigen Wikipedia) mehrere tausend Freiwillige, ehrenamtliche Autor*innen aus Österreich, Schweiz und Deutschland. Es gibt keine festangestellten Redakteur*innen. In der Wikipedia ist alles 100% ehrenamtlich.

Vielleicht hilft dieser Vergleich, das Ganze zu veranschaulichen: Wenn Wikipedia ein Fußballclub ist, dann ist Wikimedia der dazugehörige Fanclub, der sich dafür einsetzt, dass Menschen, die sich für die Wikipedia begeistern und an ihr mitarbeiten wollen, die nötige Unterstützung bekommen. Früher war dieser Fanclub eher lose organisiert, aber mittlerweile ist die Rolle von Wikimedia Deutschland gewachsen und zum professionell organisierten Arm der Wikipedia und ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen geworden.

Welche Rolle spielt dabei das Präsidium von Wikimedia Deutschland und welche Entscheidungsbefugnisse habt ihr?

Innerhalb des Vereins fungiert das Präsidium als Aufsichtsrat und hat zwei zentrale Aufgaben: Erstens, die Arbeit des hauptamtlichen geschäftsführenden Vorstands von Wikimedia Deutschland zu kontrollieren, und zweitens, gemeinsam mit dem Vorstand die Strategie und die langfristigen Ziele des Vereins festzulegen. Somit gehört es zu unseren Aufgaben festzulegen, worauf die Geschäftsstelle im operativen Geschäft Schwerpunkte legen soll. Wir geben beispielsweise vor, ob der Verein sich politisch engagieren sollte oder nicht, und der Vorstand ist dann angewiesen, diese Richtungsentscheidung entsprechend umzusetzen. Dieser ganze Prozess ist mittlerweile stark professionalisiert. Wir treffen uns zum Beispiel nie, ohne dass vorher klare Diskussions- und Entscheidungsgrundlagen vorliegen. Wir „quatschen“ nicht einfach nur drauf los, sondern versuchen, bei unseren Treffen immer sehr fokussiert und strukturiert zu bleiben.

Wie eng ist dabei der Kontakt zur Wikipedia-Community?

Generell sehr eng, aber auch hier gibt es Unterschiede. Einige im Präsidium sind gleichzeitig auch Mitglieder der Community. Für die gehört es zum Beispiel dazu, in ihrer Stadt zum Community-Stammtisch zu gehen oder sich an Online-Diskussionen innerhalb der Wikipedia zu beteiligen. Dabei ist der Kontakt zu den eher „sozial aktiven“ Communitymitgliedern automatisch enger als zu denen, die nur still und anonym Beiträge verfassen und bearbeiten. Wir haben im Präsidium aber auch Menschen, die nicht Wikipedianer*innen sind und so eine wertvolle Außensicht einbringen.

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen euch im Alltag aus?

Da wir in unterschiedlichen Städten leben und arbeiten, sind wir vor allem per E-Mail im Austausch und sprechen in regelmäßigen Telefonkonferenzen miteinander. Natürlich ist es uns wichtig, dass man sich auch persönlich sieht. Deswegen treffen wir uns mehrmals im Jahr zu Sitzungen oder Klausuren, um auch mal vor Ort Themen zu besprechen und zu entscheiden.

Gibt es eine besondere Rollenverteilung?

Generell ist jedes Präsidiumsmitglied gleichberechtigt und dazu eingeladen, seine/ihre Perspektiven zu allen Themen einzubringen. Es gibt aber auch feste Rollen. Als Vorsitzender bin ich unter anderem dafür verantwortlich, die Koordination zu übernehmen, Tagesordnungen und Vorlagen vorzubereiten oder die Sitzungen zu moderieren. Daneben gibt es noch eine/n Schatzmeister*in, dessen/deren Aufgabe es ist, ein Auge auf die Finanzen zu haben. Manchmal gründen wir auch Arbeitsgruppen, die mit professioneller Unterstützung bestimmte Themen bearbeiten. Wir diskutieren und entscheiden alle Themen also grundsätzlich zusammen, jedoch teilweise mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Verantwortlichkeiten.

Ist eure Arbeit konfliktträchtig?

Sehr selten. Die Zusammenarbeit im Präsidium ist wahnsinnig konstruktiv. Der große Vorteil ist, dass wir alle voll und ganz hinter den Grundsätzen und den Zielen des Vereins stehen. Es gibt also schonmal eine große ideelle Einigkeit, die zusammenschweißt. Aber wie immer im Leben gibt es bei manchen Themen natürlich unterschiedliche Sichtweisen und die diskutieren wir dann gemeinsam aus. Diese Diskussionen haben ein bemerkenswert hohes Niveau, wenn es um Empathie und respektvollen Umgang geht. Das führt dazu, dass wir auch bei hitzigen Debatten am Ende nahezu immer Konsens durch kluge Kompromisse erreichen. Das ist erstklassig.

Was hat dich damals dazu gebracht, dich für die Präsidiumswahl aufstellen zu lassen?

Ich bin tatsächlich nicht selbst auf die Idee gekommen. Bekannte aus der Wikipedia-Community, die damals schon im Präsidium waren, haben mich mehrmals gefragt, ob ich nicht mitmachen möchte. Nachdem sie mir schließlich auch erklärt haben, worauf es den Vereinsmitgliedern bei der Wahl ankommt, habe ich mich schließlich aufstellen lassen. Man gab mir das Gefühl, dass man meine Perspektiven als Jurist und Community-Mitglied in der Gruppe gebrauchen konnte. Anfangs war ich sehr unsicher in meiner neuen Rolle, aber aufgrund des konstruktiven Umfelds vergingen diese Unsicherheiten ziemlich schnell.

Stichwort Unsicherheit: welche Fähigkeiten sollte man mitbringen?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Wir haben ganz unterschiedliche Menschen im Präsidium, die alle unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven mitbringen. Ganz wichtig ist jedoch, dass man sich als Teamplayer begreift, der keine Alleingänge macht. Man sollte zudem ein gewisses Maß an Anpassungsfähigkeit besitzen, da es vorkommen kann, dass man in bisher unbekannte Situationen landet. Zum Beispiel habe ich schon mit einem EU-Kommissar über die Reform des Urheberrechts und mit einer Bundesministerin über die Wichtigkeit des digitalen Ehrenamts gesprochen. Diese Situationen kannte ich vorher nicht. Ich habe in dem Fall zwar einige sehr hilfreiche Vorgaben zum Ablauf und den Dingen bekommen, die ich sagen kann, aber trotzdem war das Neuland, und dafür braucht man einfach ein bisschen Offenheit.

Das klingt herausfordernd. Ist es denn eine Anforderung an die Mitglieder des Präsidiums, dass man öffentlich spricht?

Nein, definitiv nicht. Wir schauen natürlich immer wieder mal, wer Lust und Zeit hat, Veranstaltungen zu besuchen oder Gespräche zu führen. Das ist aber kein Muss. Grundsätzlich spricht auch nicht primär das Präsidium für den Verein, sondern der geschäftsführende Vorstand.

Bekommt man als Neuling im Präsidium eine Art Mentoring?

Wir versuchen, hier so gut wie möglich zu unterstützen. Zum Beispiel mit Hilfe eines Handbuchs, das die neue Rolle genau erklärt. Außerdem ist mir wichtig, dass alle das Gefühl haben, dass man sich nicht alles allein erarbeiten muss. Wir stärken uns gegenseitig den Rücken und sind bei Fragen immer da.

Die Rolle als Präsidiumsmitglied nimmt sicher viel Zeit in Anspruch. Wie lässt sich das mit deinem Berufsleben als Anwalt vereinen?

Ich nehme mir im Schnitt etwa einen Tag pro Woche Zeit für meine Präsidiumstätigkeit. Dazu muss man aber auch sagen, dass der Aufwand als Vorsitzender höher ist als bei einem „regulären“ Präsidiumsmitglied. Ich habe zudem keine Kinder und kann mir diese Zeit daher einfacher nehmen. Manchmal ist es eine Herausforderung, Ehrenamt und Beruf- und Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Wir wollen darauf auf jeden Fall Rücksicht nehmen, zum Beispiel durch ausreichend Vorbereitungszeit vor Entscheidungen.

Für die kommende Präsidiumswahl sollen gezielt mehr Frauen und Minderheiten angesprochen werden. Wie nimmst du die aktuelle Diversitäts-Situation bei Wikimedia und der deutschen Community wahr?

Der Verein hatte zum Beispiel bisher nur männliche Vorsitzende. Das kann man durchaus als Problem betrachten. Und generell kommt diese Einseitigkeit bei den Mitgliedern nicht gut an. Ich trete jetzt im Juni zwar nochmal für eine weitere Amtszeit an, würde mich aber zum Beispiel über eine Nachfolgerin sehr freuen.

Was kann das Präsidium für das Thema Diversität bei Wikimedia leisten?

Zum einen können wir festlegen, dass Diversität eine wichtige Rolle im Verein spielt. Zum anderen können wir der Geschäftsstelle auf strategischer Ebene den Auftrag zu geben, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ich denke zum Beispiel, dass der Verein der Community mehr Hilfestellung dabei geben sollte, neue Stimmen aufzunehmen und eine bessere Willkommenskultur zu pflegen. Es ist zwar nicht Aufgabe des Vereins und erst recht nicht des Präsidiums, der Community diesbezüglich Vorgaben zu machen, jedoch sehen wir uns schon als Weichensteller für gute Rahmenbedingungen. Am Ende geht es uns darum, die Überlebensfähigkeit der Wikipedia zu sichern und damit den Zugang zu Freiem Wissen zu gewähren – und ich bin davon überzeugt, dass das am Ehesten möglich ist, wenn es keine zu großen Schräglagen bei der Repräsentanz der Schreibenden gibt.

Was ist deine persönliche Message an alle Frauen und Minderheiten, die überlegen, sich für das Amt zu bewerben?

Wikimedia glaubt daran, dass mehr Wissen die Menschen befähigt und uns als Gesellschaft weiterbringt. Wir suchen nach Leuten, die an diese Vision glauben und mit Energie an dieser Aufgabe feilen möchten. Dazu brauchen wir verschiedene Perspektiven, um unsere blinden Flecken aufzudecken. Es ist nicht nur für die Community besser diverser zu sein, sondern auch für ein strategisches Aufsichtsgremium wie das Wikimedia-Präsidium. Nur so können wir Entscheidungen von höherer Qualität treffen. Es gilt ganz klar: Je mehr Blickwinkel wir haben, desto besser.

Glaubst du, du wirst dein Leben lang für Freies Wissen kämpfen?

Wikipedia steht für die Werte der Aufklärung – und dafür werde ich mich mein gesamtes Leben einsetzen, definitiv.