Im Interview: Helene Hahn

Helene Hahn ist eine der beiden kooptierten Mitglieder im aktuellen Wikimedia-Präsidium. Sie arbeitet und forscht zu gutem Regierungshandeln und dem Schutz von Menschenrechten. Als freie, unabhängige Beraterin unterstützt sie Organisationen strategisch in diesen Bereichen, darunter z.B. das Auswärtige Amt, das Goethe Institut und das Office des UN High Commissioner for Human Rights. Seit 2012 beschäftigt sie sich mit demokratischen Aspekten der digitalen Welt, darunter Open Government, Data Literacy und Open Culture. Im Interview erzählt sie von ihrem Weg ins Wikimedia-Präsidium und den Erfahrungen, die sie bisher sammeln konnte.

„Wenn man sich für frei zugängliches Wissen begeistert und einem Chancengerechtigkeit in der Gesellschaft wichtig ist, dann ist man im Präsidium von Wikimedia Deutschland gut aufgehoben.“

Helene, wie hast du denn damals von der Möglichkeit der Kooptation erfahren?

Erfahren habe ich davon auf Twitter. Der Kooptationsaufruf ist mir deswegen aufgefallen, weil Wikimedia erstmals explizit nach weiblichen Mitgliedern für das Präsidium gesucht hat. Das fand ich ein gutes Signal, weil viele Aufsichtsgremien leider immer noch sehr männlich geprägt sind. Etwas später wurde ich von einem meiner jetzigen Präsidiumskollegin direkt angesprochen und gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, mich zu bewerben. Da mir der freie Zugang zu Informationen wichtig ist wie auch Wikimedia, hat es gut gepasst. Ich war gespannt auf die Menschen, die international vernetzte Organisation und die Arbeit des Präsidiums.

Warst du denn schon vorher Mitglied in der Wikimedia Community?

Ich kannte die Vereinsarbeit schon ganz gut und auch einige der engagierten Menschen aus den Teams. Wir haben damals an gemeinsamen Projekten gearbeitet und an politischen Richtlinien zu Netzpolitik, Bildung und Kultur. Das sind auch die Themen, zu denen ich mich in verschiedenen Netzwerken wie der „School of Data“ oder der „Open Government Partnership“ engagiere. Also ja, ich gehöre zur Community. Viele denken bei Wikimedia sicher zuerst an die größte Community, die Wikipedia. Der Verein arbeitet darüber hinaus jedoch an vielen wichtigen Projekten, die sich für Freiheit und Grundrechte im Netz einsetzen.

Wikimedia hat sich für die kommende Präsidiumswahl den Vorsatz gefasst, gezielt mehr Frauen anzusprechen. Wie war und ist denn dein Eindruck von der Diversität bei Wikimedia?

Hier würde ich nach Präsidium, Verein und Community unterscheiden. Das Präsidium von Wikimedia war viele Jahre fast ausschließlich männlich. Ich finde es gut, dass hier ein Umdenken stattfindet. Diversity ist wichtig, nicht nur weil es den Verein und unsere Arbeit insgesamt stärkt, sondern weil unsere Gesellschaft vielfältig ist und es gerecht ist, wenn diese Vielfalt in allen Bereichen des öffentlichen und politischen Lebens auch abgebildet ist. Letztendlich setzen wir uns für Chancengerechtigkeit ein. Es entspricht unseren Werten und unserer Haltung. Im Präsidium haben wir in der Arbeitsgruppe Diversity unser eigenes Gremium durch das Institut für Diversity Management evaluiert und neue Ansätze beschlossen. Dazu gehören z.B. die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die direkte Ansprache sowie das Kooptationsverfahren, bei dem wir Plätze für nicht männliche Personen reservieren. Das freut mich. Diversity bezieht sich nicht nur auf das Geschlecht, das darf man nicht vergessen. Hier ist der Verein deutlich diverser als das Präsidium, was das Alter, Geschlecht und die Herkunft angeht. Auch in der Wikipedia Community ist in den letzten Jahren einiges passiert. Es gibt zahlreiche Projekte und lokale Gruppen, die sich für mehr Autorinnen in der Wikipedia  einsetzen. Ich kann an der Stelle die Projekte Whose Knowledge?, WomenEdit und auch Women in Red empfehlen. In den lokalen Räumen z.B. in Stuttgart und Bonn organisieren Ehrenamtliche regelmäßig Veranstaltungen, z.B. anlässlich des 100- jährigen Jubiläums des Frauenwahlrechts. Ich finde, wir müssen solche Aktivitäten noch stärker fördern und die Arbeit der Menschen dahinter sichtbarer machen. Die lokalen Räume kann man direkt besuchen, jede Person ist herzlich willkommen. 

Insgesamt würde ich sagen: An vielen Stellschrauben drehen wir schon beständig, an andere müssen wir noch ran. Es ist ein wichtiger Prozess, den man bewusst initiieren und gestalten muss.

Welche Fähigkeiten sollten Bewerber*innen mitbringen? Gibt es Schlüsselqualifikationen, die Voraussetzung für eine Bewerbung sind?

Die Präsidiumsarbeit ist unglaublich spannend und abwechslungsreich, da man sich mit sehr unterschiedlichen Themen beschäftigt, sei es Kommunikation, Politik, Finanzen, Software, Organisationsentwicklung bis hin zur Movement Strategy auf der internationalen Ebene. Präsidiumsarbeit ist letztendlich Teamarbeit und man lernt durch den Austausch mit den Kolleg*innen dazu. Wenn man sich für frei zugängliches Wissen begeistert und einem Chancengerechtigkeit in der Gesellschaft wichtig ist, dann ist man im Präsidium von Wikimedia gut aufgehoben. Bringt man dann noch Expertise in einem der Bereiche mit, umso besser. Ich möchte jede Person und insbesondere Frauen dazu ermutigen, sich zu bewerben.

Worüber hast du dir im Vorfeld Gedanken gemacht? Was hat dich eventuell eingeschüchtert oder nervös gemacht?

Da ich vorher schon einige Personen aus dem Verein kannte und mit den Themen vertraut bin hatte ich keine Bedenken. Außerdem war ich beruflich schon in leitenden Positionen tätig, bei denen natürlich auch verantwortungsvolles Handeln wichtig war. Mich hat die Aufgabe daher nicht eingeschüchtert sondern neugierig gemacht. Ich wollte wissen, was eigentlich im Präsidium passiert und wie es sich für den Verein und die Community stark macht. Aber natürlich hatte ich Respekt vor der Rolle. Wikimedia ist mit knapp 140 Mitarbeiter*innen und einem Jahresbudget von ca. 22 Millionen Euro eine große gemeinnützige Organisation. Eine derartige Rolle verlangt auch Verantwortung. Ich musste mich anfangs in die Abläufe einarbeiten aber da kommt man mit der Zeit automatisch rein und wird auch unterstützt.

Im Präsidium trefft ihr u.a. grundlegende strategische Entscheidungen für den Verein. Wie sieht denn da die Zusammenarbeit aus? Gibt es auch manchmal Spannungen? Wenn ja, wie löst ihr die?

Das Präsidium arbeitet an verschiedenen strategischen Themen und organisiert sich in Arbeitsgruppen. In den Gruppen geht es oft um die thematische Reflexion des status quo und um die zukünftige Entwicklung, also wo stehen wir gerade, wo wollen wir hin und wie setzen wir es um? Die Zusammenarbeit im Präsidium und auch mit dem geschäftsführenden Vorstand ist produktiv und offen. Wir arbeiten schließlich an den gleichen Zielen. Was sich unterscheiden kann, ist die Vorstellung vom Weg dorthin und die Prioritätensetzung. Hier kommen unterschiedliche Perspektiven und Vorschläge zusammen. Ich finde, dass sich die Stärke einer Organisation und eines Teams genau darin zeigt, wie sie mit diesen Spannungen umgehen. Wichtig ist die Möglichkeit zur direkten Aussprache mit Vorstand und zwischen den Kolleg*innen im Präsidium. Ein persönliches Gespräch schafft mehr Klarheit über Argumente und Positionen und hilft, mögliche Kompromisse besser zu finden. Transparenz in der Entscheidungsfindung ist auch wichtig. Die respektvolle Atmosphäre im Präsidium schätze ich bei Wikimedia genauso sehr wie die Diskussionskultur.

Worauf bist du bei deiner Arbeit im Präsidium besonders stolz?

Ich habe die Arbeit von Wikimedia aus dem Blickwinkel der Menschenrechte und der good governance, also der guten institutionellen Steuerung, verfolgt. Das ist auch mein beruflicher Hintergrund. Ich denke, dass ich die Diskussionen im Präsidium aus dieser Perspektive bereichern konnte, d.h. den Blick weiter zu schärfen hin zu mehr Chancengerechtigkeit und Bewusstsein für unsere gesellschaftliche Verantwortung als Institution.

Die Arbeit im Präsidium ist ja ein Ehrenamt. Fast alle von euch haben nebenher noch einen Beruf. Wie lässt sich denn die ehrenamtliche Arbeit ins Beruf und Alltagsleben integrieren?

Man muss sich grundlegend fragen, ob man genügend Zeit zur Verfügung hat, um sich konstruktiv mit den Themen des Präsidiums und Vereins zu beschäftigen Die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt ist uns wichtig. Die ehrenamtliche Arbeit des Präsidiums wird durch den Verein aktiv unterstützt, vor allem durch unseren Präsidiumsreferenten, Moritz Rahm, aber auch dem Vorstandsteam. Zu der Unterstützung gehören z.B. Vorbereitungen der Materialien für Klausuren, Beschlussvorlagen und telefonischen Aussprachen. Darüber hinaus bietet der Verein eine Kinderbetreuung bei Treffen und Veranstaltungen an. Es werden für Präsidiumsmitglieder Reise und Übernachtungskosten übernommen und es gibt die Möglichkeit, an Weiterbildungen teilzunehmen Man ist hier sehr bemüht und rücksichtsvoll und geht auf die persönlichen Umstände der Präsidiumsmitglieder auch ein. Wir ermutigen uns gegenseitig dazu um Hilfe zu fragen, wenn man Hilfe braucht. Das ist ein wichtiges Arbeitsprinzip.

Möchtest du dich in diesem Jahr wieder für ein Amt bewerben?

Ich konnte mich in dieser Amtszeit im Präsidium engagieren, weil es gut in meine beruflichen und privaten Lebensumstände gepasst hat. Als Selbstständige habe ich eine gewisse Flexibilität bei der Projektplanung, die mir ein ehrenamtliches Engagement erlaubt hat. Nach dieser Amtszeit werde ich mich allerdings wieder stärker meinen Projekten widmen. Da ich noch nicht weiß, wie viel Zeit ich darüber hinaus zur Verfügung haben werde, habe ich mich dazu entschlossen, in diesem Jahr nicht zu kandidieren.

Durch Corona herrschen ja momentan überall besondere Umstände. Inwiefern könnte die Krise deiner Meinung nach Einfluss auf die Präsidiumsarbeit haben?

Da sich Wikimedia mit netzpolitischen Themen auseinandersetzt und auch international vernetzt ist, sind wir digital in der Kommunikation und Arbeitsweise gut aufgestellt. Die Mitarbeiter*innen von Wikimedia sind nach wie vor gut erreichbar. Auch das Präsidium arbeitet digital. Wir nutzen Telefonkonferenzen zum Austauschen und unser Präsidiumswiki, wo alle relevanten Dokumente hinterlegt sind. Eine gut funktionierende, digitale Infrastruktur ist hilfreich, dennoch sind es auch für uns besondere Umstände. Auf der operativen Ebene heißt es zum Beispiel, dass wir geplante Veranstaltungen umorganisieren müssen, dazu gehören auch die Präsidiumsklausuren und die jährliche Mitgliederversammlung. Hierzu überlegen wir uns neue Konzepte, das erfordert eine zusätzliche Flexibilität von Leitung, Team und auch unseren Partnern. Nicht zu unterschätzen ist natürlich die individuelle auch emotionale Belastung bedingt durch die Umstände, z.B. wenn man neben der Arbeit noch Kinder und Familie zu Hause betreut. Wir versuchen uns gegenseitig so gut es geht zu unterstützen. Geduld, Verständnis und Solidarität sind jetzt vor allem gefragt.

Was kannst du Frauen und natürlich allen anderen Personen die überlegen, sich zu bewerben, noch abschließend mitgeben?

Das Präsidium von Wikimedia ist ein offenes Gremium, in dem man sich konstruktiv einbringen kann. Wenn man sich für Freies Wissen begeistert, ist man hier richtig. Neben dem gesellschaftlichen Engagement ist es auch eine tolle persönliche und berufliche Chance, sich weiterzuentwickeln. Es gibt so viele Frauen, die die nötige Expertise und das Engagement mitbringen und ich kann nur dazu ermutigen, sich zu bewerben.